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Schuld und Schamgefühle

FRAGE: Könnt ihr etwas über Schuld und Schuldgefühle sagen?

ABRAHAM: Schuldgefühle sind immer negativ und sie entstehen meistens dann, wenn du etwas nicht tust, dass du nach der Meinung anderer Menschen hättest tun sollen. Bei euch gilt die Regel, dass, wenn das eine gut ist, das andere zwangsläufig schlecht sein muss. Wenn du also das »Schlechte« tust, fühlst du dich schuldig. Nicht weil es schlecht ist, sondern weil du glaubst, dass du etwas tust, was nicht gut ist, und weil dein inneres Wesen dir mitteilen will, dass das nicht stimmt. Wenn du Schuldgefühle verspürst, bist du nicht im Einklang mit deiner ursprünglichen Intention, Erfahrungen zu machen. Es gibt viele Menschen, die schreiend davonlaufen würden, wenn sie so etwas hören, da sie absolut überzeugt sind, dass es bestimmte Regeln geben muss, die man auf jeden Fall einzuhalten hat. Aber wenn sie nur einmal sagen könnten: »Ich bin ein Wesen, das nach Glück strebt« und spüren würden, wie sie sich dabei fühlen, dann würden sie vielleicht anfangen zu verstehen, was wir meinen.

Hicks, Esther. Ein neuer Anfang: Das Handbuch zum Erschaffen deiner Wirklichkeit (German Edition) (S.251-252). Ansata. Kindle-Version.

 

Wir hatten dieses Zitat heute und eine interessante Diskussion darüber. Darum würden wir uns freuen, Eure Meinung dazu zu hören.

Dani + Sylvi

Das ist eine spannende Frage. Wir sind mit so vielen Regeln aufgewachsen und zurecht gebogen worden, dass viele große Schuld empfinden, wenn wir uns nicht an diese Regeln halten.

Es ist aber immer nur unser Kopf, der in diesem Dilemma steckt und das ist das größte Problem. Wenn wir lernen los zulassen und etwas mit Liebe und dem Herzen tun, hat das auch Konsequenzen auf andere. Wichtig ist glaube ich nur, dass es wirklich mit guten Gefühlen passiert, so entsteht eine positive Ausstrahlung und es bleibt kaum Raum für Schuldgefühle. Daraus kann dann gegenseitig gelernt werden, dass vielleicht die goldene Mitte für beide Seiten richtig ist?

Liebe Grüße Barbara

 

Schuldgefühle sind ein mächtiges Schwert in unserer Gesellschaft und es ist sehr kompliziert, aus diesem Konstrukt auszubrechen. Zunächst muss man sich ja darüber im Klaren sein, was man empfindet, warum man es empfindet und woher die Gefühle kommen. Dazu ist es oft notwendig, quasi einen Schritt zur Seite zu machen und das Ganze aus einer anderen, neutralen Perspektive zu betrachten. Allein dieser Schritt ist schon eine grosse Hürde.

Nur ein Beispiel von vielen: meine Mutter ist ein Pflegefall und lebt in einem Altersheim.  Mein Ehemann, der meine Mutter bereist seit 25 Jahren kennt, meint zu dieser Situation nur trocken "sie hat ja die ganze Zeit über mit diesem Risiko gelebt, es in Kauf genommen und auch nichts an ihrer Situation geändert - also ist sie in gewisser Hinsicht selbst Schuld daran."

Ich als Frau und Tochter kann seine Ansicht, wenn ich aus meinem Gewissen einen Schritt heraustrete, zwar verstehen - bin aber natürlich in meiner Persönlichkeit und in dem, was die Gesellschaft von mir erwartet "verhaftet" und Schulde ihr die Liebe einer Tochter, Schulde ihr zurückzugeben, was sie einst für mich geopfert hatte...

Wir alle stehen ständig in Balance zwischen diesen Konflikten. Manche Entscheidungen kann man mit einem Lachen von der Schulter wischen: etwa die Kleidungszwänge, die uns unser soziales Umfeld auferlegt und wir gehen in einer Jogginghose zum Einkaufen, auch wenn sich andere dafür schämen würden.

Die Konflikte, die in unseren Herzen sind, die uns seit Kindesbeinen an begleiten, die sind viel schwerer zu erkennen und zu bewältigen.

Es ist ein langer Weg, aber auch ein sehr schöner, wenn man sich damit beschäftigt, sich darauf einlässt. Es tut oft sehr weh, aber ich habe gelernt, dass wenn ich selbst diesen Weg gehe, auch anderen sehr helfen kann in Zeiten tiefer Gewissenskrisen.

Ich wünsche Euch allen einen schönen Mai, wissend, dass die Zeit für viele eine Herausforderung ist, so auch für mich,

liebe Grüße, Anna

 

Zitat von Antje am 01.05.2020, 11:42 Uhr

Ich als Frau und Tochter kann seine Ansicht, wenn ich aus meinem Gewissen einen Schritt heraustrete, zwar verstehen - bin aber natürlich in meiner Persönlichkeit und in dem, was die Gesellschaft von mir erwartet "verhaftet" und Schulde ihr die Liebe einer Tochter, Schulde ihr zurückzugeben, was sie einst für mich geopfert hatte...

Liebe Anna,

diese Diskussion kenne ich von meiner Mama auch, so nach dem Motto, du bist als Tochter verpflichtet. Diese Diskussionen sind egoistisch, weil es dem jenigen nur um sich und sein eigenes Glück geht und nie um uns.

Und nein, ich sehe das anders. Wir haben keine Verpflichtungen gegenüber unseren Eltern, denn wir haben sie nicht gebeten, auf diese Welt zu kommen, es war ihre Entscheidung, ein Kind haben zu wollen. So wie es meine Entscheidung war, meine Tochter zu bekommen, ich habe sie ebenfalls nicht gefragt.

Die Liebe und Fürsorge, die ich als Kind erfahren habe, muss oder sollte ich an meine Kinder weitergeben und damit ist alle "Schuld" abgetragen.  Und meine Tochter gibt diese Liebe an ihre Kinder weiter, hat also mir gegenüber keine Verpflichtung.

Gut, ich weiß, dass ich mich trotzdem etwas verpflichtet fühle als Tochter. Aber in einem Maße, dass ich selbst entscheide, nicht in einem Maße, zu dem mich meine Mutter oder die Gesellschaft verpflichten will. Was ich tue, tue ich freiwillig. Und eigentlich möchte ich für das, was ich tue, auch anerkannt werden und nicht durch überzogene Erwartungshaltungen noch verurteilt, zu wenig getan zu haben. Leider ist auch das bei alten Menschen der Fall.

Die Frage ist, fühlst du dich gut, wenn du dich für deine Mutter aufopferst? Ich mich leider nicht immer. Und da ich diese Gefühle heute mehr analysiere, weiß ich, dass es nicht immer für mich richtig ist. Ich achte heute mehr darauf, wie es mir mit etwas geht, als nur zu funktionieren.

Liebe Grüße

Sylvia

Da ich diese Situation auch schon durchlebt habe, kann ich beide Seiten sehr gut verstehen. Als die Frage aufkam, ob mein Vater ins Altenheim geht, war ich auch total hin und her gerissen zwischen dem Gefühl das kannst du nicht machen. Er war immer für mich da, was sollen die Leute denken.... Kurzum die Schuldgefühle waren da.

Ich habe von einer guten Freundin Hilfe bekommen. Sie hat zu mir gesagt, Strecke deine Arme aus, das tat ich und dann sagte sie, nun zähle alle Aufgaben auf, die du so in der Woche zu erledigen hast. Für jede Aufgabe nahm sie einen Gegenstand und legte ihn auf meine Arme. Irgendwann waren es so viele, dass der Turm zusammenbrach und alles auf die Erde fiel und sie sagte, dass passiert mit dir, wenn du dich für alles zuständig fühlst und wer kümmert sich dann?

Das war sehr heilsam. Ich habe einen Kompromiss gefunden und Aufgaben verteilt. Ich habe meine Brüder mit ins Boot geholt, die sich überhaupt keine Gedanken darüber gemacht haben. Wahrscheinlich auch, weil es ja meistens von der Tochter erwartet wird.

Manchmal muss man Situationen aus anderen Perspektive betrachten, um nicht in die Falle der Schuldgefühle zu tappen.

Liebe Grüße

Barbara

 

@barei

Die Antwort ist einfach super. Ich kann das bestätigen, mein Bruder ist immer der Gute. Was tut er? Er ruft einmal die Woche für 10 min an. Er kommt so alle 12-16 Wochen mal, um seine Mutter zu besuchen. Er wird nicht mal im Kopf in die Pflicht genommen, etwas abzudienen, was sie gegeben hat. Ich hingegen kann nicht genug geben. Die Töchter haben echt die Arschkarte.

Vielleicht hat jemand von Euch den letzten Film mit Hannelore Elsner gesehen, Es lebe die Königin. Sehr beeindruckend. Der Mutter-Tochter-Konflikt auf die Spitze getrieben. Der Sohn mit Wanderniere außen vor.

Ich habe mir abgewöhnt, die Liebe meiner Mutter erringen zu wollen. Ich gebe, was mir möglich ist und wozu ich mich noch mit guten Gewissen durchringen kann. Mehr geht halt nicht.

Sylvi

Ja wie wahr... die Töchter zum Einen werden ran gezogen,  hinzu kommt noch das meistens noch genau die in die Pflicht gerufen werden, die entweder die jüngsten sind oder aber die größte eigene Familie haben,wo eh viel Arbeit ansteht. Obwohl ich dagegen halte möchte,dass es nicht überall so ist. Andere Kulturen, andere Sitten.... Es kommt tatsächlich auch vor das Söhne ran müssen und die Töchter sprichwörtlich faul rumlümmeln dürfen. So oder so...eines haben alle gleich. .die Verteilung ist nicht im Gleichgewicht.

Als ich zur Kur war habe ich ein ähnliches Beispiel erlebt wie Barbara mit den Büchern. Der Therapeut stand hinter mir und legte die Hände auf meine Schulter. Bei jeder Last drückte er mich ein Stück runter. Bis ich auf dem Boden saß.  Das sind Übungen die einem wirklich die Augen öffnen und man erstmal verblüfft da steht. Da Stress, Ärger, Arbeit, Erwartungshaltung, Verhaltensweisen  usw. nicht klar sichtbar sind, ist der Druck auch nicht so erkennbar den man erträgt. Ganz toll das es Menschen gibt die es Versinnbildlichen und die Augen öffnen.

Ich bin nach vielen vielen Jahren erst zu der Erkenntnis wie Sylvie gekommen. ..geben was man kann ohne selbst zu brechen...

Aber wir spiegeln halt erst mal wieder was die Gesellschaft uns anerzogen hat. Bis die Gesellschaft verstanden hat das nivhts selbstverständlich ist,ausser die Liebe, dem freiwilligen geben,so meine Meinung, wird es noch ein weiter Weg.

Liebe Grüße

Ihr habt mir aus der Seele gesprochen. Für mich war es ein langer Weg, das Anerzogene loslassen und wirklich mit sich im Reinen zu sein, obwohl die Gesellschaft es anders sieht. Dadurch bin ich aber auch jetzt in der Lage mich nicht mit Schuldgefühlen zu belasten, dass mein Papa unter diesen besonderen Coronaumständen verstorben ist.

Womit ich hier nicht meine, dass wir egoistisch wie ein Elefant im Porzellanladen herumtrampeln. Aber wie bereits geschrieben, gibt es immer Lösungen, man muss sie nur finden, wenn auch mit Hilfe anderer.

Wenn wir es schaffen über unseren Schatten zu springen und diese Schuld und  Schamgefüle loslassen, dann wird unser Mut belohnt und es ergeben sich wundervolle neue Wege.

Liebe Grüße und einen schönen Wochenstart

Barbara